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Mit regelbasierter Aktienauswahl die Gewinnwahrscheinlichkeit erhöhen

16. Mai 2019 | Vermögen
Daniel Haase, Vorstand Asset- und Risikomanagement, Foto: © HAC VermögensManagaement AG

Der Aktienmarkt bietet langfristig hohe Gewinne, temporär jedoch immer wieder auch hohe Risiken. Damit bieten Aktien gerade für institutionelle Anleger mit sehr langem Anlagehorizont eine Chance auf einen insgesamt respektablen Wertzuwachs. Wer an die Aktienselektion mit fundierten und erprobten Methoden herangeht, begrenzt Risiken und erhöht gleichzeitig seine Gewinnchancen.

Wer jenseits von Null- und Minizinsen Rendite sucht, kommt an Aktien kaum vorbei. Unzählige Marktgurus propagieren fortlaufend, dass sie die Aktien gefunden haben, die jene, die ihnen folgen, in kurzer Zeit reich machen würden. In aller Regel sind solche Aussagen zutiefst unseriös. Laut einer Studie von Hendrik Bessembinder von der Arizona State University1 sind die Risiken bei der Auswahl der richtigen Aktien strukturell höher als viele glauben: Im US-Aktienmarkt erbrachten im Zeitraum von 1926 bis 2016 nur 4% der Aktien den gesamten Ertrag – der Rest waren kleine Gewinner, Verlierer und viele Titel, bei denen die Geldanlage letztlich ein Nullsummenspiel war. Wie kann man am Aktienmarkt also die Spreu vom Weizen trennen, wie jene Titel mit hohem Potenzial finden und jene mit extremen Risiken meiden?

Besser fährt, wer auf Fakten setzt.

Statistische Untersuchungen zeigen, dass es bestimmte Faktoren gibt, welche die Chancen für positive Überraschungen im Portfolio erhöhen und die Chancen für negative Überraschungen signifikant senken. Dies widerspricht nicht nur dem „heißen, todsicheren Tipp“, sondern zum Beispiel auch der Effizienz-Markt-Hypothese (EMH), nach der für höhere Renditen auch höhere Risiken in Kauf genommen werden müssten. Ein Buch, dass auf solch einer statistischen Forschungsreihe vorteilhafter Faktoren basiert, ist „High Returns From Low Risk“ von Pim van Vliet und Jan de Koning. Die Autoren legen schlüssig dar, warum weniger riskante Aktien tendenziell eine bessere Rendite erwarten lassen als riskante Titel.

Unsere Vorgehensweise, die wir sowohl mit laufenden Modellportfolien und historischen Rückrechnungen (Backtests) gründlich überprüft haben und in unseren Marathon-Investmentfonds seit einigen Jahren erfolgreich anwenden, kommt jener von van Vliet und de Koning ziemlich nahe. In unseren Strategien setzen wir nur auf Aktien, denen die Anleger am Kapitalmarkt ein überdurchschnittliches Vertrauen entgegenbringen (Indikator für Vertrauen: niedrige relative Volatilität, s. Marathon Investor 01/19, S. 8), denen die Investoren gleichzeitig eine überdurchschnittliche Wertentwicklung zutrauen (Indikator hierfür: Momentum, s. Marathon Investor 04/19, S. 8ff) und die obendrein in Relation zu den übrigen Aktien fundamental noch preiswert zu haben sind, zum Beispiel weil das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV, s. Marathon Investor 01/19, S. 10ff., 13) relativ niedrig ist. Ein weiterer Aspekt ist die Gleichgewichtung aller Aktien im Portfolio.

Beispiel 1

Um die Vorzüge regelbasierter Aktienauswahl anhand wissenschaftlich fundierter und in der Praxis erprobter Kriterien zu demonstrieren, haben Oliver Voß und ich jeweils im Januar 2017 und 2018 in einem Workshop auf der internationalen Kapitalanlegertagung in Zürich einem Fachpublikum unsere Auswahl deutscher Aktien fürs kommende Jahr präsentiert. Unsere Vermutung lautete, dass unsere Auswahl HAC-30 im Vergleich zu den DAX-30 gute Chancen auf eine bessere Performance bei gleichzeitig besseren Risikokennziffern aufweisen sollte. Stand Dezember 2018 sahen die Zwischenergebnisse wie folgt aus: Der DAX lag knapp 3% im Minus, während die HAC-Auswahl gut 9% im Plus notierte. In den fünf Aufschwungsphasen konnte unsere Auswahl weitgehend mit dem DAX mithalten, in den fünf Abwärtsphasen konnte unsere Aktienauswahl gut ein Viertel der DAX-Verluste vermeiden. Wie erwähnt wurde Anfang 2018 das Musterportfolio turnusgemäß überprüft. Weiterhin als vorteilhaft eingestufte Aktien blieben in der Auswahl, Aktien, die im abgelaufenen Jahr enttäuschten bzw. für die nähere Zukunft eine unterdurchschnittliche Bewertung bekamen, wurden ersetzt. Zum Jahreswechsel 2018/2019 passten wir diese Auswahl erneut an (s. Marathon Investor 01/19, S. 13 ff).

Die eher defensive Auswahl hat in Auswärtsphasen eine den DAX-30 vergleichbare Performance erbracht. In den Abwärtsphasen zeigt sich der tendenzielle Vorteil einer fundierten regelbasierten Auswahl: Die Verluste fielen geringer aus. Das sorgtet im Schnitt für eine bessere Performance der Musterstrategie. Bitte beachten: Die Einteilung der Marktphasen ist keine exakte Angelegenheit und dient hier nur der Illustration des Sachverhalts.

Beispiel 2

Will man für die Vergangenheit Aufschluss darüber erhalten, wie sich ein bestimmtes Modell der Aktienauswahl ausgewirkt hätte, kann man Backtesting-Verfahren anwenden. Dabei wird das zu überprüfende Modell auf historische Daten angewendet und das daraus entstehende Musterportfolio mit verschiedenen Variablen simuliert. So erfahren Asset Manager, welche Ergebnisse ein regelbasiertes Modell in der Vergangenheit geliefert hätte, wenn es regelkonform angewendet worden wäre. Sie können mit den Erkenntnissen aus vielen Testreihen einschätzen, ob bestimmte Faktoren und Auswahlentscheidungen eher zu vorteilhaften oder eher unvorteilhaften Portfolien führen. Grenzen habe alle Backtests dort, wo die Statistik aus historischen Daten zwar Wertzusammenhänge, aber keine Begründungen für die Ergebnisse liefern kann. Eine Korrelation zwischen bestimmten Werten begründet nicht notwendigerweise deren Kausalität. Natürlich sind die Ergebnisse aus Backtests keinerlei Garantie für die Zukunft. Für diesen Backtest wurde eine Startauswahl anhand historischer Daten aus dem Jahr 2002 für einen Start des simulierten Musterportfolios im Januar 2003 getroffen. Zu jedem Jahreswechsel fand eine Neujustierung der Auswahl auf Basis der für das ablaufende Jahr verfügbaren Daten statt.

Über die Laufzeit der Simulation zeigt das HAC-Portfolio potenzielle Stärken gegenüber dem Marktdurchschnitt der DAX-30 (gerechnet inkl. Dividenden, exkl. Kosten/Steuern).

In den Aufwärtsbewegungen erzielte die regelkonforme Aktienauswahl eine ähnliche Rendite wie der DAX, in den Abwärtsphasen fielen die Verluste signifikant kleiner als im DAX aus. In der Summe überstieg die Rendite in dieser Strategie im gesamten Testzeitraum von 17 Jahren jene des DAX um etwa 7% p.a. Die Volatilität fiel gleichwohl um gut 20%, die mittleren Rücksetzer (Drawdowns) sogar über 30% niedriger aus. Kurz: Mehr Rendite bei weniger Risiko. Was natürlich auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Anleger eine solche Stratege eher durchhalten als wenn sie pauschal den DAX kaufen würden und dann eine Marktkrise durchleben würden.

Wichtiger Hinweis zu Backtests

Disclaimer: Backtesting
Bitte beachten Sie: Backtests (Rückrechnungen) mit historischen Daten haben nur eine begrenzte Aussagekraft und sind abhängig von den gewählten Daten und statistischen Methoden. Generell gilt: Ergebnisse der Vergangenheit stellen weder Garantie noch Prognose für die Zukunft dar. Diese Informationen stellen eine Orientierung und keine Beratung dar. Bitte konsultieren Sie entsprechend ausgebildete Rechts-, Steuer- oder sonstige Berater.

Fazit
Wo der DAX Ende 2019 stehen wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Im Grunde ist dies jedoch gar nicht notwendig, um erfolgreich an der Börse zu navigieren. Viel gewinnt, wer das Kauf- und Verkaufsverhalten der Anleger studiert, welches sich letztlich in den absoluten und relativen Kursentwicklungen von Aktien manifestiert. Titel, denen überdurchschnittliche Chancen zugebilligt werden, sollten bereits in der jüngeren Vergangenheit zumindest leicht überdurchschnittlich gelaufen sein. Aktien von Unternehmen, denen Anleger ein hohes Vertrauen entgegenbringen, sollten weniger stark schwanken als andere Titel. Und fundamental günstig bewertete Unternehmen dürften langfristig bessere Ergebnisse aufweisen als relativ teure. Wer diese drei relativ simplen Erkenntnisse in einem regelbasierten Auswahlprozess beherzigt, hat gute Chancen auf mehr Rendite bei weniger Risiko.

Der Autor
Daniel Haase ist im Vorstand der HAC VermögensManagement AG hauptverantwortlich für das Asset- und Risikomanagement. Er wurde von der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands e.V. (VTAD) in 2009 für seine Methode der Risikoanalyse und in 2019 für die Methode der Aktienauswahl mit dem VTAD-Award ausgezeichnet.

Weitere Informationen
Unseren Vortrag „Vorsprung durch Technik – Aktien in der Kapitalanlage“ vom 3. Stiftungsforum in Hamburg können Sie hier herunterladen.

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