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Krebs ist eine Familiendiagnose

06. März 2020 | Kinder & Familie

Die seelische Belastung von Kindern krebskranker Eltern wird deutschlandweit noch immer zu wenig wahrgenommen und meist unterschätzt! Die deutsche Krebshilfe schätzt, dass jährlich bis zu 200 000 Kinder unter 18 Jahren erleben, dass ein Elternteil an Krebs erkrankt. In einer Studie in den Niederlanden haben Forscher festgestellt: „Die Stresssymptome können bei Kindern und Jugendlichen bei längerem Anhalten zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen, einem Krankheitsbild, das sich durch vielfältige Symptome wie etwa Alpträume, große Traurigkeit oder Schuldgefühle äußert.“

Wenn ein Elternteil oder eine andere erwachsene Bezugsperson an Krebs erkrankt, verändert dies das Leben aller Familienzugehörigen und kann zunächst große Ängste auslösen, hilflos und sprachlos machen. Insbesondere Kinder werden in dieser Situation von den Erwachsenen aus verschiedenen Gründen häufig nicht ausreichend berücksichtigt und informiert.

Die Kinder haben jedoch feine Antennen und beobachten die Erwachsenen genau. Sie trauen sich aber oft nicht, darüber zu sprechen, besonders, wenn sie spüren, dass die Erwachsenen etwas verheimlichen. Sie fühlen sich schnell ausgeschlossen und können kurz- oder langfristig mit Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu seelischen und körperlichen Belastungen reagieren, was sie traumatisieren und ihre gesunde Entwicklung stark beeinträchtigen kann.

Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Peter Riedesser beobachtete u. a. folgende „Hauptsymptome einer dysfunktionalen Bewältigung bei Kindern chronisch kranker Eltern“, wie

  • regressive Symptome (z. B. Daumenlutschen, Trennungsangst, Einnässen)
  • verstärkte Aggression, z. B. durch Schuldgefühle oder Ängste
  • Konzentrations- und Lernstörungen
  • Nervosität und Einschlaf- / Schlafstörungen
  • Angstsymptome
  • depressive Symptome mit / ohne Suizidalität
  • Überanpassung („pathologische Unauffälligkeit“)
  • Zwangs- und / oder Konversionssymptome (Verdrängen von unerträglichen psychischen Zuständen auf die körperliche Ebene)

Was können Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen tun?

Weltweite Studien bestätigen, dass das offene und altersgemäße Gespräch zwischen Erwachsenen und Kindern hilft, die „Familiendiagnose Krebs“ gemeinsam zu bewältigen und die gesunde Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen fördert.

Erwachsene sollten mutig sein: Sie sollten Kindern mehr vertrauen und ihnen mehr zutrauen! Denn Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Information, sie wollen verstehen und gefragt werden und wissen oft mehr, als Erwachsene denken! Nur so bekommen sie die Chance, zu lernen, wie sie auch mit künftigen Lebenskrisen für sich alleine und im sozialen Netzwerk umgehen können. Darüber hinaus stärkt der offene Umgang innerhalb der Familie das Vertrauen und fördert die Gesundheit aller Zugehörigen!

Tipps zum offenen Gespräch zwischen Erwachsenen und Kindern ab drei Jahren

Es gibt kein Allgemeinrezept. Aber, entwicklungspsychologisch gesehen, brauchen Kinder bis ca. drei Jahre vor allem eine möglichst ruhige, vertraute Atmosphäre mit festen Bezugspersonen, viel Nähe und Körperkontakt, sofern das Kind dies wünscht.

  • Nehmen Sie sich Zeit für Gespräche in ruhiger Atmosphäre.
  • Sagen Sie, dass Krebs nicht ansteckend ist.
  • Sprechen Sie über die Krankheit (Diagnose, Verlauf) soweit Sie darüber Bescheid wissen. Verzichten Sie bei jüngeren Kindern auf lange Erklärungen und bevorzugen Sie „kleine Häppchen“.
  • Lassen Sie das Kind das Tempo des Informationsflusses bestimmen, indem Sie direkt auf seine Fragen eingehen.
  • Falls Sie unsicher sind was die Informationsweitergabe oder -menge angeht, lassen Sie sich von dem Leitsatz führen: „Ich muss NICHT IMMER alles, was ich weiß, dem Kind SOFORT mitteilen, aber alles, was ich sage, MUSS WAHR sein!“
  • Versuchen Sie, eine gewisse Alltagsroutine als eine Art fester Bezugsrahmen beizubehalten.
  • Versichern Sie dem Kind immer wieder, dass es geliebt wird und keine Schuld an der Krankheit trägt.
  • Ermutigen Sie das Kind, all seine Gedanken und Gefühle (wie Angst, Wut, Traurigkeit oder Freude) auszudrücken, verbal oder durch malen, musizieren, Sport ...
  • Erlauben Sie dem Kind, sich fürsorglich und hilfsbereit zu zeigen, aber lassen Sie nicht zu, dass es die Rolle eines Erwachsenen einnimmt.
  • Bestärken Sie das Kind, sich auch weiterhin mit seinen Freunden zu treffen, zu spielen, Spaß zu haben, ohne schlechtes Gewissen.
  • Ermutigen Sie es auch mit den Freunden oder anderen Vertrauten über die veränderte Situation und die Krebserkrankung zu sprechen.
  • Informieren Sie die Erzieher*innen in Kindergarten und Lehrer*innen in der Schule über die Erkrankung, wenn Sie das Gefühl haben, dass dies für das Kind von Vorteil wäre und es damit einverstanden ist.
  • Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck, was die Kommunikation mit dem Kind angeht. Geben Sie sich die Zeit, die Sie selbst brauchen, bis Sie sich öffnen können.
  • Verwenden Sie zur Unterstützung hilfreiche altersgerechte Infomaterialien und/oder suchen Sie sich Unterstützung bei Fachberatungsstellen.

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