Artikel Wissen

« Zurück

Magdalena Neuner und ihr Herzensprojekt

24. September 2019 | Interview

Schon früh entdeckte Magdalena Neuner den Biathlon-Sport für sich und hielt mit 16 Jahren ihre erste Goldmedaille in der Hand. Ein Höhepunkt der zwölffachen Weltmeisterin war das doppelte Olympia-Gold im kanadischen Vancouver. Mit gerade einmal 25 Jahren verabschiedete Neuner sich vom Profisport und lebt seitdem ihren eigenen Traum der eigenen Familie.

2016 übernahm sie zudem die Schirmherrschaft für den Irmengard-Hof der Björn Schulz Stiftung, für den Sie sich bereits seit 2012 als Botschafterin engagiert.

Sie haben schon mit 25 Jahren Ihre Sportkarriere beendet. Warum so früh? Hatten Sie Angst vor dieser Entscheidung?

Das ist eine Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Es gab eigentlich nur einen richtigen Grund, ich hatte einfach das Gefühl, dass jetzt in meinem Leben etwas Neues kommt und es außer Sport noch andere Dinge für mich gibt. Angst hatte ich vor der Entscheidung keine.

Seit Ihrem Rücktritt vom Profisport hat sich Ihr Leben stark verändert. Sie haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, Haus gebaut, arbeiten als TV-Expertin, schreiben regelmäßig einen eigenen Blog auf XING und sind Testmonial für namenhafte Firmen. Außerdem engagieren Sie sich sozial. Wie bringen Sie das alles unter einem Hut?

Das ist tatsächlich manchmal nicht so einfach, aber irgendwie geht es immer. Ich versuche alles nach Prioritäten abzuarbeiten. An erster Stelle steht für mich immer die Familie. Alles andere lässt sich organisieren. Mir machen alle Bereiche sehr viel Spaß und ich bin dankbar, dass ich so ein abwechslungsreiches Leben habe.

Wenn Magdalena Neuner am Irmengard-Hof Zeit mit den Familien verbringt, schenkt sie den Betroffenen viel Freude.

Sie scheinen stets mit Leichtigkeit Familie und Beruf zu vereinen. Doch sicher kennen Sie auch Gefühle wie Trauigkeit, Mutlosigkeit und Überlastung?

Auch für mich ist es nicht immer einfach, Familie, Beruf und alle anderen Dinge in meinem Leben zu vereinen. Gerade im letzten Jahr hatte ich oft damit zu kämpfen, dass ich völlig überlastet und energielos war. Angefangen hat alles mit einem Virus, den ich mir vor zwei Jahren eingefangen habe. Ich habe trotzdem weitergearbeitet, meinen Haushalt erledigt und mich um die Kinder gekümmert. Leider habe ich diesen Virus verschleppt und war nach einem halben Jahr, in dem ich gesundheitlich sehr angeschlagen war, völlig am Ende meiner Kräfte.

Erst nach einer eingehenden Untersuchung durch einen befreundeten Mediziner wurde mir klar, dass ich energetisch bei Null bin und mich dringend um mich selbst sowie um meine Gesundheit kümmern muss.

Heißt das, Sie hatten mit einem Burnout zu kämpfen?

Ja. Das kann man sagen. Das hat sich vor allem dadurch geäußert, dass mir sehr schnell alles zu viel war. Jeder Telefonanruf kostete mich viel Kraft. Und auch jeder Konflikt mit meinen beiden Kindern hat mich sehr schnell an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Ich glaube vor allem die Kombination aus meiner körperlichen Beeinträchtigung, die ich nach wie vor durch meinen Infekt hatte, und die daraus resultierende Unzufriedenheit, Unausgeglichenheit und vor allem Kraftlosigkeit führten zu einer äußerst schwierigen Phase meines Lebens. Deshalb war es sehr wichtig für mich, jetzt Prioritäten zu setzen und auch darüber nachzudenken, was ich in meinem Leben ändern möchte.

Daraufhin habe ich mich von den Dingen getrennt, die nicht mehr zu mir gepasst oder mich einfach zu viel Energie gekostet haben. Und ich habe mir wieder mehr Zeit für mich selbst genommen.

Diese Mutter verbrachte mit ihrer kleinen Tochter im Rollstuhl bereits vier Jahre hintereinander eine Auszeit auf dem Irmengard-Hof.

Von wem haben Sie sich denn helfen lassen? Mit wem konnten Sie über Ihre Gefühle sprechen?

Vor allem natürlich meine Familie war sehr wichtig für mich. Meine Eltern und Schwiegereltern haben die Kinder genommen, wenn ich mal eine Auszeit gebraucht habe. Außerdem habe ich gute Freunde und Berater, die immer ein offenes Ohr für mich haben. Ich arbeite seit vielen Jahren mit einem Mentaltrainer zusammen, mit dem ich ganz professionell alle Themen ansprechen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen kann.

Manchmal ist es gut, wenn einem ein Mensch zur Seite steht, der eine neutrale Sicht von außen auf die Dinge hat. Genau wie bei einer sportlichen Niederlage ist eine solche Lebensphase manchmal sehr wichtig, um seinen Alltag neu zu sortieren und noch mehr an sich selbst zu arbeiten. Ich habe es geschafft, gestärkt aus dieser Zeit heraus zu gehen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Sie sind seit 2016 Schirmherrin des Irmengard-Hofs der Björn Schulz Stiftung in Gstadt. Wieso liegt Ihnen besonders dieses Projekt am Herzen?

Der Irmengard-Hof der Björn Schulz Stiftung ist ein Ort der Freude und des Zusammenseins. Ich finde es einfach wundervoll, wenn man den betroffenen Familien hier eine schöne gemeinsame Zeit schenken kann.

Können Sie sich an einen ganz besonderen Moment am Irmengard-Hof erinnern?

Jeder Moment, den ich am Irmengard-Hof verbringen darf, ist ein ganz besonderer Moment für mich. Vor allem der direkte Kontakt zu Familien berührt mich stets unglaublich. Denn es gibt Familien, die so schwere Schicksalsschläge verkraften müssen, dass es mich jedes Mal aufs Neue emotional sehr mitnimmt.

So habe ich vor Kurzem Eltern kennengelernt, die zwei schwerstkranke Kinder im Rollstuhl, ein autistisches sowie ein gesundes Kind haben. Nun erkrankte der Familienvater und Alleinverdiener auch noch an Krebs und musste schon drei Chemo-Therapien über sich ergehen lassen. Die Mutter war am Ende ihrer Kräfte und hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als ein paar Tage zur Erholung mit der ganzen Familie auf dem Irmengard-Hof verbringen zu dürfen. Die Björn Schulz Stiftung hat dieser Frau, die jetzt viel Kraft braucht, diesen Wunsch erfüllt.

Ob kranke Kinder, gesunde Geschwisterkinder oder Eltern – Magdalena Neuner nimmt sich für alle Zeit.

Was sind Ihre persönlichen Erfolgsfaktoren, die Sie als Schirmherrin des Irmengard-Hofs weitergeben möchten?

Vielleicht kann ich durch meine Vergangenheit als Sportlerin einige der Eigenschaften miteinbringen und weitergeben, die mich damals erfolgreich gemacht haben. Ich denke, wir sollten weiterhin ehrgeizig und zielstrebig am Ball bleiben, um den Bekanntheitsgrad des Irmengard-Hofs weiter zu steigern. Denn es ist einfach wichtig, Familien mit besonderen Bedürfnissen zu erreichen und potenzielle Gönner wie auch Spender zu akquirieren. Dazu ist sicher auch ein gewisser Biss nötig, den ich auch als Profi sportlerin haben musste.

Was macht Sie persönlich in Bezug auf Ihr soziales Engagement glücklich?

Nachdem ich mit dem Profisport aufgehört hatte, wollte ich anderen Menschen in irgendeiner Form etwas von meinem Glück und dem Erfolg, den ich viele Jahre hatte, zurückgeben. Es ist einfach schön, dass ich die Möglichkeit habe, durch meine Bekanntheit viele Menschen zu erreichen. Diesen Bekanntheitsgrad kann ich als Schirmherrin des Irmengard-Hofs der Björn Schulz Stiftung für betroffene Familien nutzen. Denn es ist wichtig, den Irmengard-Hof in der Öffentlichkeit noch bekannter zu machen. Jedes Mal, wenn ich jemanden davon überzeugen kann, für den Irmengard-Hof und damit für Familien zu spenden, bin ich glücklich.

Durch gemeinsame Aktivitäten und ähnliche Schicksalsschläge entsteht zwischen den einzelnen Familien während ihres Aufenthalts am Hof eine richtige Gemeinschaft.

Wenn Sie mit einer Person für einen Tag die Rollen tauschen müssten, was würden Sie gerne einmal erleben?

Ich finde die ehemalige deutsche Tennisspielerin Steffi Graf sehr inspirierend. Sie ist für mich aus sportlicher und persönlicher Sicht ein großes Vorbild. Denn Steffi Graf hat es trotz ihres großen Erfolges geschafft, ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben mit ihrer Familie zu führen. Zudem ist sie off ensichtlich schon lange glücklich mit ihrem Ehemann verheiratet. Vielleicht würde ich kurzzeitig gerne mal ausprobieren wollen, wie sich das Leben mit Familie in Las Vegas, wo Steffi Graf und ihr Mann, Andre Agassi, wohnen, so anfühlt.

Sie sprechen von "kurzzeitig ausprobieren"? Das heißt, Sie sind mit Ihrem Leben in Wallgau völlig zufrieden?

Allerdings. Tatsächlich möchte ich wirklich keinen Tag jemand anderes sein. Natürlich fragt man sich manchmal, ob vielleicht eine andere Frau ein noch besseres und erfüllteres Leben führt, als man es selbst momentan hat. Gerade wir Frauen sind ja oft Zweifler und Grübler. Aber ist das wirklich so? Jeder hat die Aufgabe, etwas dafür zu tun, dass er glücklich ist. Ich muss sagen, dass ich sehr zufrieden bin mit meinem Leben, so wie es derzeit ist. Vor allem schätze ich die wertvollen Menschen, die mich umgeben. Ich liebe die Mutterrolle und den Alltag mit meinen beiden gesunden Kindern, die mein Leben unglaublich bereichert haben. Und immer, wenn ich am Irmengard-Hof der Björn Schulz Stiftung bin und dort die vielen Familien mit ihren schweren Schicksalsschlägen sehe, fahre ich wieder ganz demütig nach Hause zurück.

Vielen Dank für das Interview und Ihre offenen und herzlichen Worte.

Das Interview führten Daniela Lindl und Thomas Hansen.

Kooperations- & Medienpartner

© 2019 »Wir tun Gutes« Stiftungsführer, Michel und Stich GmbH
Alle Rechte vorbehalten